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Der Inbegriff von Kino heisst "Castro". PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Hansruedi Wäfler   
Dienstag, 15. November 2011 um 09:40 Uhr

Der Inbegriff von Kino heisst "Castro".

Eigentlich haben es mir ganz besonders die baulich alleinstehenden, kleinen Landkinos angetan. Aber auch die grossen Filmpaläste vermögen mich zu begeistern. Als Beispiele möchte ich den Zoo-Palast und das Delphi in Berlin nennen. Oder wer schon mal im gigantischen Eingangsbereich des Tuschinski-Theaters in Amsterdam stand weiss, wovon hier die Rede ist. "Wenn du einmal in den USA bist, musst du dir unbedingt das Castro in San Francisco ansehen", wurde mir von verschiedenen Seiten angeraten. So wollte ich diesen Empfehlungen Folge leisten. Seither heisst auch für mich der Inbegriff von Kino "Castro".

Das Kino erreicht man am Besten mit der einzigen oberirdischen Strassenbahn. Es befindet sich am Ende der Market-Street, im Castro-Viertel, in der Nähe der Tram-Endschlaufe. Ahnungslose Touristen werden hier vielleicht etwas vor den Kopf gestossen. Aber eingeweihte Besucher amüsieren sich ab den anwesenden Paradiesvögeln, die hier ihr Territorium markieren. Der Kinobesucher findet sich nämlich mitten im Revier der Schwulen und Lesben wieder. Das Empfangskommitee präsentiert sich in entsprechender illustren Bekleidung (wenn es überhaupt welche trägt!). Aber die einschlägigen Protagonisten sind harmlos und tun niemandem etwas zu Leide. Mir haben sie lediglich zum Schmunzeln Anlass gegeben.

Jetzt direkt nach links und nach wenigen Metern ist der Kinofreund am Ziel.

Fast fühle ich mich wie ein Wallfahrer. Sofort begebe ich mich auf die andere Strassenseite und lasse die eindrucksvolle Fassade, die im spanischen Kolonialstil gestaltet ist, einige Minuten auf mich wirken .

Die Aussenfassade gleicht fast einer mexikanischen Kathedrale. Herrlich ist das Kino-Theater an der Castrostreet anzusehen. Es ist nicht nur das besterhaltene, sondern auch das grösste der alten Kinos in San Francisco.

Wie historische und neuzeitliche Fotos belegen, ist das vom Architekten Timothy Pflüger anno 1922 gebaute Kino bis heute im absoluten Originalzustand erhalten geblieben.

Das waren noch Zeiten, als das Publikum vor dem Kassenhäuschen noch in Reihe stand.

 

Filmpremieren fanden seinerzeit mit einem angemessenen Pomp statt.

 

Dieses riesige Foyer befindet sich vor dem Balkoneingang. Der "sehr kompetente" Typ an der Pop-Corn-Maschine verbot mir leider das Fotografieren im Hauptfoyer. An den Wänden befinden sich viele alte Filmplakate.

Die Gestaltung des Saales übertrifft die reiche Fassadenromantik noch bei Weitem. Aufwändige Stuckarbeiten an der Decke des Saales vermitteln die Illusion eines Zeltdaches. Troddeln, Schnüre, Bänder und eine damals zeitgenössische Bemalung lassen den Betrachter staunen.

 

Das Kino ist der Modernisierung glücklicherweise entgangen. Die Betreiberfamilie Nasser ist nach wie vor bestrebt, die Schönheit und Funktionalität des Film-Theaters zu bewahren.

Mit 1500 Sesseln ist die Bezeichnung "Filmpalast" mehr als gerechtfertigt.

Den Tonfilm gibt es bekanntlich erst seit etwa 1930. Vorher wurden die Filme von einer riesigen Wurlitzer-Orgel begleitet.

Die Schallöffnungen der gigantischen Kinoorgel befinden sich links und rechts der Leinwand. Der Schalldruck, das Volumen und die räumlichen Effekte des Instruments suchen Seinesgleichen.

Der Spieltisch wird, schon währen der Organist spielt, vom Zuschauerboden hydraulisch auf Leinwandniveau hochgefahren.

Wohlverstanden: Die Kinoorgel funktioniert ausschliesslich mit Wind (Luftdruck) und Pfeifen. Der phänomenale Sound wird also ohne Lautsprecher erzeugt. Nur die Traktur, die Verbindung zu den Ventilen, passiert elektrisch. Natürlich sind auch Wind- und Regenmaschine, Lokpfeifen, Xylophon und Glockenspiele usw. vorhanden.

Heute hatten wir Glück, der Organist David Hegarty gab vor Vorstellungsbeginn ein Konzert von 20 Minuten Dauer.

Obwohl ich meine Aufwartung im Castro angemeldet hatte und diese auch bestätigt bekam, schien niemand auf einen dahergelaufenen Europäer gewartet zu haben. Erst nach mehrmaligem Bitten erbarmte sich ein Angestellter meinem Interesse. Er führte mich bis zur Türe der Projektionskabine.

Hier wurde ich jetzt sehr freundlich empfangen. Der Operateur wunderte sich, dass sich einmal jemand für sein Reich interessiert. Ich meine beobachtet zu haben, Jim Marshal habe beim Vorbeigehen der digitalen Projektionsmaschine einen fingierten Tritt verpasst. Dagegen streichelte er jedoch die 35mm-Westrex Projektoren sehr deutlich und zärtlich.

Hier arbeitet noch ein Fachmann, der sein Handwerk versteht.

Ich wunderte mich, dass hier noch im Überblendbetrieb gearbeitet wird. Aber der Grund erklärt sich von selbst. Im Castro werden fast ausschliesslich Filmklassiker oder Retrospektiven bekannter Regisseure oder Schauspieler gezeigt. Bei meistens nur einer Vorführung lohnt sich das Koppeln der Akte natürlich nicht.

Ein Kabelsalat? Nein. Chief-Operator Jim Marshal hat die Systeme im Griff.

In den USA werden die Kopien in solchen typischen Boxen versandt.

Wegen dem interessanten Aufenthalt im Projektionsraum hatte ich bereits den halben Film verpasst. Darum verliess ich das Kino. Draussen ist es inzwischen dunkel geworden. Ich schaute nochmals etwas wehmütig zurück. Noch immer war ich befangen vom Geist des wahren Kinos. Werde ich das Castro wohl je einmal wiedersehen?

 

Anhang

Der europäische Kinofreund reiste natürlich nicht nur des Castro's Willen in die USA. Die Ausbeute an Bildern vom Amerika-Trip füllt bereits ein umfangreiches Fotobuch. Vielleicht gehören die folgenden Eindrücke nicht unbedingt in den "Operateur". Aber die kleine Auswahl an Sehenswürdigkeiten von San Francisco hatten für den Schreiberling den selben "Muss"-Stellenwert wie der Besuch des Kinos Castro.

 

Die"Sieben Schwestern" waren gemäss Fremdenführer einst Freudenhäuser.

 

Wie oft war die Lombard-Street wohl schon Kulisse für Verfolgungsjagten in Hollywood-Filmen?

 

Die im Jahr 1937 eröffnete Golden-Gate-Bridge ist inkl. Zufahrtsrampen 2737 Meter lang. Ein Spaziergang auf die andere Seite ist sehr zu empfehlen. Man wird mit einer erhabenen Aussicht auf die Sky-Line von Frisco und die ehemalige Gefangeneninsel Alcatraz belohnt. Dann fährt ein Bus nach Sausalito und weiter gehts mit dem Schiff zurück nach San Francisco.

 

Die Cable-Cars sind weltweit ein einmaliges Unikum. Sie fahren seit dem Jahr 1873. Der Gripman klinkt die Wagen an einem mit konstant 15.3 km/h laufenden Seil ein. Von einem sehr umfangreichen Streckennetz sind noch drei denkmalgeschützte Linien übrig geblieben.

 

So, jetzt ist der nostalgisch inspirierte Tourist reif für die Fahrt mit einem der historischen Trams vom Fishermans-Wharf ins Castro-Viertel. Was dort geschieht: Siehe Anfang!

 

                                                                                                            Hansruedi Wäfler

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, 17. Mai 2012 um 12:29 Uhr